Mensch:Musik:Umwelt
Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Musikwissenschaft 2026
Universität Innsbruck, Haus der Musik, 19. –21. November 2026
Der deutsch- und englischsprachige Call for Papers kann hier heruntergeladen werden:
Die Idee, Musik als Bindemittel zwischen Mensch und Umwelt zu verstehen, umfasst eine breite Palette an möglichen Auseinandersetzungen aus allen Bereichen der Musikwissenschaft. Musik wurde von Menschen seit jeher als Medium der Vermittlung zwischen der Gemeinschaft und ihrer Umwelt eingesetzt. Flöten oder Pfeifen, die Vogelstimmen imitieren, dienen nicht nur zu Jagdzwecken, sondern auch dem ästhetischen Genuss oder der Belustigung. Musiktheorien im antiken Griechenland, im alten China, im islamischen Hochmittelalter oder in mesoamerikanischen Gesellschaften verbinden stets das Kosmische mit dem Menschlichen. Solche analogistischen Konzeptionen von Sphärenharmonien über manche liturgische Konzepte bis hin zu zeitgenössischen neoplatonischen Ideenwelten bauen stets auf eine vermittelnde Funktion von Musik: das Natürliche, wie etwa Tierlaute, Geographien oder mathematische Formen, wird ebenso durch Musik den Menschen zugänglich gemacht wie das Übernatürliche: die animistisch belebte Umwelt, die Geister und Götter an ihren heiligen Orten, oder das Universum selbst.
Auch in der Geschichte der Kunstmusik treten höhere Gewalten auf, das Wilde und Bedrohliche wird ebenso vertont wie das Idyllische und Pastorale. In vielen Liedern Franz Schuberts rauschen Bächer und Wälder, Bedřich Smetana hat den Verlauf der Moldau vertont, und Gustav Mahler lässt seine Erste Symphonie mit „wie ein Naturlaut“ beginnen.
Bezüge zur Umwelt müssen dabei stets kritisch hinterfragt werden. Oftmals begegnet man geographisch kartierten Stereotypen, etwa dem „Nordischen“ bei Jean Sibelius, oder „Afrikanischer Musik“, die zwar positiv besetzt sein können, aber dennoch mit ethnischen, speziesistischen oder gar rassistischen Generalisierungen operieren (wie das „Älpische“ im Nationalsozialismus).
In Volksmusik, Country, Folk und anderen Popularmusikgenres wird oft Bezug auf die Landschaft oder andere regionale Eigenschaften der Umwelt genommen. Protestlieder können auch Kritik an der Umweltverschmutzung oder Gegenhaltungen zu Klimapolitik äußern. Doch gerade die „audible infrastructures“ (Kyle Devine) der (Popular-)Musikindustrie produzieren einen gewaltigen ökologischen Fußabdruck.
Seit dem 20. Jahrhundert öffnen sich die Musikwissenschaften neu entstehenden Ideenfeldern wie der Musique Concréte, der Soundscape Art und den Sound Studies, der akustischen Ökologie und der Zoomusikologie. „More-than-human musicking“, „ecomusicology“ oder „sonic ecologies“: aktuelle Schlagwörter zu neuen Herangehensweisen an Klang und Musik, die ein weiterreichendes Netzwerkdenken zu befördern suchen. Jakob von Uexkülls Umweltbegriff wird wiederbelebt, in Donna Haraways Posthumanismus ebenso wie in Tim Ingolds „dwelling“ oder in David Rothenbergs Mensch-Tier-Jazz. Die anthropozentrische Kritik hat in den Musikwissenschaften Einzug gehalten wie auch die „Cultural Animal Studies“ (etwa in der gleichnamigen Buchreihe des Springer-Verlags).
Musikinstrumente können die Qualitäten von Pflanzen, Tieren, oder von bestimmten Orten ins musikalische Handeln einbringen. Mit Technologien der Elektroakustik und elektronischen Klangerzeugungen treten auch Konzepte und Theorien der Science and Technology Studies in den Fokus der Musikforschung. Seit etwa einem Jahrzehnt gibt es Algorithmen, die selbst Musik zu komponieren vermögen, die also weniger als Instrumente denn als kreative Instanzen konzipiert werden – als Entitäten der Technosphäre, der fabrizierten, quasibelebten Umwelt des heutigen und zukünftigen Menschen.
Die Österreichische Gesellschaft für Musikwissenschaft lädt in ihrer Jahrestagung 2026 unter dem Motto Mensch:Musik:Umwelt zu weitreichenden Reflexionen über all diese Themenbereiche ein. Beiträge zur Tagung können sich um folgende, oder ähnliche, Fragestellungen drehen:
- Welche Verbindungen zwischen Kosmos und Mensch wurden oder werden in Musiktheorien angenommen oder in musikalischen Traditionen vertont?
- Wie klingen die Umwelt, ihre Phänomene, und die in sie eingebetteten Menschen in verschiedenem kompositorischen Handeln?
- Mit welchen Instanzen aus der Umwelt wurde oder wird in indigenen oder traditionellen Gemeinschaften musikalisch interagiert?
- Welche Umweltkonzepte wurden oder werden über die Rohstoffe, die Erzeugung, den Transport und die Behandlung von Musikinstrumenten in die Musik eingebracht?
- Welche ökologischen Kosten entstehen durch aktuelle Praktiken der Rezeption und Distribution von Musik, etwa mit Blick auf den Energieverbrauch von Streaming-Servern und die Live-Musik-Industrie?
- Wie äußert sich Öko-Kritik in der populären Musik?
- Wie werden Umweltqualitäten in Film- und Gaming-Musik illustriert und umgesetzt?
- Zoomusikologie, Phytomusikologie, Astromusikologie, Cybermusikologie: reale oder fiktive Forschungsdesiderate?
Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.
Formate: Vortrag (20 Minuten plus 10 Minuten Diskussion), Roundtables, Podiumsdiskussionen (max. 90 Minuten inkl. Impulsreferate). Des Weiteren sind andere Gesprächsformate, Workshops oder Lecture Recitals willkommen, hierfür bitte bei der Einreichung Rücksprache mit dem Organisationsteam halten.
Einreichungen: Senden Sie bitte ein Abstract (max. 250 Wörter) unter Angabe des gewünschten Formats, sowie eine Kurzbiografie (max. 100 Wörter) bis zum 30.4.2026 an musikwissenschaft@uibk.ac.at. Die Einreichungen werden anonym begutachtet. Über die Annahme entscheidet das Programmkomitee bis 30.5.2026.
Junge Musikwissenschaft: Im Rahmen der Jahrestagung findet auch das Studierenden-Symposium der Jungen Musikwissenschaft statt. Den vom Thema der Jahrestagung unabhängigen Call für dieses Symposium finden Sie hier: https://oegmw.at/junge-musikwissenschaft/nachwuchssymposium
Organisationsteam: Bernd Brabec (Chair), Federico Celestini, Milijana Pavlović, Thomas Nußbaumer, Bernhard Steinbrecher, Sabine Daum. Bei Fragen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung: musikwissenschaft@uibk.ac.at oder Bernd.Brabec@uibk.ac.at
Archiv
Die Jahrestagung 2024 fand zum Thema “Demokratie – Materialisierung in und durch Musik” vom 17. bis 19. Oktober 2024 an der Universität Mozarteum in Salzburg statt. Informationen und das Programm finden Sie im “Archiv“.
Sämtliche Informationen zu vergangenen Jahrestagungen sind auf der Archivseite zu finden.
